Stationsäquivalente Behandlung in der Psychiatrie: komplizierte Bedingungen

Das erste MDK-Gutachten zur stationsäquivalenten Behandlung (StäB) ist bei casusQuo eingetroffen. Der Einzelfall im Detail:

03.04.2018

„Aufnahme“ eines 16-jährigen Mädchens zur stationsäquivalenten Be­hand­lung (StäB) durch ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie in der elter­lichen Wohnung in Baden-Württemberg
Aufnahmediagnose: F50.01 (Anorexia nervosa, aktiver Typ), Z60 (Kontakt­anlässe mit Bezug auf die soziale Umgebung), Z62 (andere Kontaktanlässe mit Bezug auf die Erziehung), Z55 (Kontaktanlässe mit Bezug auf die Ausbil­dung), Z63 (andere Kontaktanlässe mit Bezug auf den engeren Familienkreis). Neben­diagnose: X84.9 (absichtliche Selbstbeschädigung)
Therapieziele:
- mehr Selbstbestimmung für die Patientin
- Rückgewinn der Veränderungs- und Therapiemotivation der Patientin
- stärkere Einbindung der Eltern in die Therapie
- Rückführung der Patientin in den normalen Alltag

04.04.2018

Entlassung der Patientin aus der StäB

29.05.2018

Eingang 1. Rechnung über € 400
Abgerechnet wurde die unbewertete PEPP DH1QK80Z (StäB) mit dem dazugehörigen OPS 9-801.02.

04.06.2018

Einleitung MDK-Prüfung. Der MDK wurde beauftragt, die Mindest­merk­male des OPS zu prüfen. Diese sind laut OPS Version 2018 (in Auszügen):
- mindestens ein direkter Patientenkontakt pro Tag,
- 24h Rufbereitschaft,
- Behandlung durch ein mobiles multiprofessionelles Team,
- eine tägliche ärztliche Visite sowie
- die schriftliche Zustimmung der volljährigen Personen, die mit der Patientin im Haushalt leben.
- Aufnahmegewicht > 38 kg
Zur Abrechnung des OPS müssen alle Mindestmerkmale erfüllt sein.

10.08.2018

Eingang MDK-Gutachten.

Ergebnis: Zwar war die Eignung des häuslichen Umfelds gegeben. Ein ärzt­liches Gespräch war dokumentiert. Ein täglicher Patientenkontakt konnte den Unterlagen ebenfalls entnommen werden. Dennoch sind die Mindest­merk­male nicht vollständig erfüllt: Zum einem lag keine schriftliche Zu­stim­mung der volljährigen Personen, die mit der Patientin im Haushalt leben, vor. Zum anderen wurde die Bedingung eines Aufnahmegewichts von > 38 kg nicht erfüllt. Es wäre zu erwarten gewesen, dass die Klinik die von ihr selbst festgelegten Aufnahmebedingungen bereits am Aufnahmetag überprüft. Die Aufnahme der Versicherten zur StäB hätte sich dann erüb­rigt. Es liegt somit eine primäre Fehlbelegung vor.

Versand Leistungsentscheid und Rückforderung der Rechnungssumme i.H.v. € 400.

Retaxierung          

€ 400,00

Das Beispiel zeigt, welche hohen Anforderungen die Krankenhäuser erfüllen müssen, um den neuen OPS abrechnen zu dürfen. Zudem bestehen weiterhin die kritisch diskutierten Abgrenzungsschwierigkeiten zu bereits bestehenden Versorgungsstrukturen wie z.B. der ambulanten fachärztlichen Behandlung. Es bleibt also abzuwarten, in welchem Ausmaß die Krankenhäuser diese neue Behandlungsform anwenden werden.